Die Geschichte der erhalten gebliebenen Dortmunder "Sambawagen" 904 / ex 304 

Fortsetzung der Kurzgeschichte über den Dortmunder Großraumwagen

Wagen 304 wurde zum Einmannwagen umgebaut und gelangte 1972 erstmals auf der "kurzen 6"  zwischen Hörde und  Schulte- Rödding (früher Linie 16) zurück in den Liniendienst. Der Heimatbetriebshof war nun der Bh.III (Westfalendamm).

1973 wurde der Beiwagen 812 ebenfalls umgebaut und sollte fortan ohne Schaffner auskommen. Nun wurde aus dem 304 und dem 812 der einzige Großraumwagenzug, der nun vom Bh. I (Dorstfeld) zunächst auf der Linie 2 (Dorstfeld - Brackel) eingesetzt wurde.

Trotz des guten Fahrverhaltens der Wagen und der Beliebtheit bei den Fahrgästen machte Dortmund bei der nächsten Fahrzeugbestellung einen Schritt rückwärts. Die 1956 und 1957 beschafften GT4 waren wieder Starrachser und basierten auf den Eigenbau 291 (später 437) -siehe Rubrik GT4.

Die Fahrer entwöhnten sich durch die nun zahlreich vorhandenen GT4 und GT8 schnell vom wesentlich anspruchsvollerem Fahrschalter des Wagens 304. Das hatte viele Störungen mit sich gebracht und somit wurde beschlossen, diesen TW aus dem Verkehr zu ziehen. Das war die Chance für den Wagen 303, der einen "Wiener Fahrschalter" bekommen hat, so wie ihn die bauähnlichen Wiener "C Wagen" hatten. (Der GT8 Fahrschalter war zu groß).

Wagen 303 wurde nun mit dem BW 812 behängt und wurde ebenfalls vom Betriebshof Dortstfeld aus eingesetzt. Die erste Heimatlinie wurde die Linie 3 (Westfalenstadion - Fredenbaum). Später kam er auch gelegentlich auf die Linie  4 sowie ab 1977 auch auf die neue Schnellstraßenbahnlinie 2 (Hombruch - Grevel).

Im Jahre 1969 wurde in Dortmund entschieden, dass die Straßenbahn den zunehmenden Individualverkehr stört. Dortmund sollte Autogerecht ausgebaut werden und die Straßenbahn sollte unter der Erde verschwinden. Leider konnte sich die SPD mit dieser Wahnsinnsforderung durchsetzen und das Millionenloch wurde ausgebuddelt. Um die Fahrleitungsarbeiten einfacher erledigen zu können, aber auch um bei Stromausfällen im Tunnel einen Bergungszug zu haben, der unabhängig vom Fahrleitungsstrom fahren können muss, wurde der Wagen 304 mit recht viel Aufwand umgebaut. Die Elektrischen Türsteuerungen samt Antriebe sowie die meisten Sitze wurden ausgebaut, um Gewicht einzusparen. Die Mitteltür wurde hochbahnsteiggerecht und eine zweite Mitteltür wurde auf die vorher türlose Seite eingebaut. Die Seitenwand gegenüber der Tür 1 und 2 wurde ausgetrennt und auf ein neu eingeschweißtes Gestell wurde ein gigantisch großer Schiffsmotor mit angeflanschtem Generator eingebaut. Anschließend wurde das Seitenteil wieder eingesetzt und auf beiden Seiten die Scheiben zwischen der Vordertür und der Mitteltür verblecht. Auf der türlosen Seite wurde ein Luftschacht für den Motor eingebaut. Zum starten des Motors wurde eine zweite Kleinspannungsanlage eingebaut. 

Im Hinterteil wurde die gebogene und geteilte Plexiglasscheibe durch eine gerade Scheibe aus einem GT8 ersetzt. Die beiden runden Scheiben wurden extra angefertigt. Der ursprüngliche Rangierfahrschalter wurde beibehalten und das Armaturenbrett  etwas ergänzt.

Um alte Beiwagen und Arbeitsloren ziehen zu können, aber auch um Druckluftwerkzeuge gebrauchen zu können, wurden dem "Super- Arbeitswagen" auch "Bremsschläuche" verpasst. 

Aus dem GT8 51 wurden die beiden Drehgestelle samt Motoren eingebaut. Die vier je 60 KW Motoren wurden dennoch wie früher per Druckluft gesteuert. 

In Orange lackiert wurde der Wagen 904 fortan für den Gleisnachschub im noch nicht fertig gestellten Stadtbahntunnel eingesetzt (dafür wurden zwei große Loren auf GT8 Laufgestellen gebaut). Ferner zog der 904 nun die Arbeitsloren und war nachts oft mit den Schleifloren im gesamten Gleisnetz unterwegs. Schleifsteine und Wasser konnten vom TW aus gesteuert werden. Dazu wurden Schalter eingebaut und Kabelanschlüsse.

1996 war die Zeit für den 904 dann entgültig vorbei, denn aus dem 1987 in Bodelschwingh verunglücktem N8 Nr. 142 wurde ein noch besserer Arbeitswagen gebaut, der eine noch bessere Leistung als der 904 hatte und auch den Arbeitswagen 906 ersetzen konnte. (906 war ein Aufbauwagen mit einem Fahrleitungs- Beobachtungsstand).

Dennoch war der 904 noch lange nicht für die Straßenbahnwelt schrottreif. So wurde dem Wagen 904 neue Aufgaben in Schwerte gestellt. 

 

 

Nach dem Umbau zum Einmannwagen präsentiert sich der 304 zwischen dem Hörder Schildplatz und dem Brückenplatz.

In einem erfrischendem Look zeigt sich der 304 nun zusammen mit dem Beiwagen 812 an der Haltestelle Reinoldikirche. 304 war der einzige Samba mit Vollwerbung. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1978
1987 nachts auf dem Borsigplatz als Schleifzug

Auch in der Aufarbeitungszeit, die direkt nach dem Erwerb stattgefunden hatte, wurde der 904 regelmäßig in Schwerte eingesetzt,- jetzt auch wieder mit Fahrgästen, wie diese Aufnahme aus dem Frühjahr 1997 zeigt.

Nach einer gründlichen Überholung der empfindlichen Fahrschalter und einer größeren Reparatur an der Wasserpumpe und der Zündung des  MAN Schiffsmotors, bekam der 904 Sitze aus verschiedenen Straßenbahnen eingebaut. Schließlich war dieser Wagen ein Highlight für den interessierten Besucher. In den Jahren 1997 und 1998 befuhr der Wagen 904 regelmäßig das Gleis 8 vor der Dampflok- Anheizhalle bis zur ehemaligen Drehscheibe des alten Eisenbahnausbesserungswerkes in Schwerte Ost (von 1996 bis 2000 Museumsstraßenbahn). (siehe Rubrik SMS und Video) Außerhalb des Besucherverkehrs diente der 904 oft als Arbeitswagen,- so lieferte er Strom für das Schweißgerät und einiges andere. Weil das Gleis umgelegt und verlängert werden sollte und klar war, dass der 904 über einige Monate hinweg keine Fahrstrecke mehr hat, wurde mit einer Generalüberholung des Fahrschalters etc. begonnen, in welcher auch die maroden Stellen am Dach repariert werden sollten.

 

Je eine Wand trennte den Motorraum vom Fahrgastraum und zum Führerstand ab. 

In Schwerte bekam der 904 Sitze von Großraumwagen aus Mülheim (Kunstledersitze) und Holzsitze aus Bochumer GT6. 

Nur der Sitz mit der verchromten Stange (links im Bild) war noch Original aus den "304 Zeiten". 

Rechts neben den Schaltschränken befand sich übrigens ein Schaffnerplatz aus einem Bochumer GT6. 

Es wäre nicht ratsam gewesen, aus der vorderen Tür auszusteigen, weil man sonst in der Drehscheibengrube gelandet wäre. 

1998 wurde darum das Gleis 8 weiter nach rechts verlegt, um in die "Schleife Drehscheibe" münden zu können.

Nach Fertigstellung der Schleife Drehscheibe (vorgesehen waren die Gleise aus der Schleife Dorstfeld) hätte der Triebwagen 904 seine neue Stammstrecke erreichen können und wäre ab 2000 an jedem Fahrtag von der KZ- Gedänkstätte Schwerte-Ost bis zum "Kohlebunker" gefahren,- Zwischenhaltestelle Straßenbahnmuseum. Vom Kohlebunker (hinter der Drehscheibe) aus hätten die Museumsbesucher in die Museumslinie umsteigen können, die nur auf dem Museumsgelände in einer "9 - 8" Runde gefahren wäre (eine Teilstrecke schon regelmäßig gefahren ist). 

Als "Steuerwagen" war der ex Duisburger Aufbaubeiwagen 2337 bereits in Vorbereitung. Es war aber ebenfalls in Planung, an gewissen Tagen den 303 mit dem 904 zu verbinden.  

In Schwerte war der 904 nicht nur als Arbeits- und Fahrgastwagen eingeplant, sondern auch als Werbeträger. Die Hausfarben eines Teppich- und Tapetenhauses zierten den 904 schon. Um aber zumindest auf einem Schwarz- Weißbild historisch wirken zu können, wurde das Farbschema aus "alt Dortmund" beibehalten.

 

Wegen einer Korruptionsgeschichte wurde der Museumsbetrieb "verboten" , danach löste sich der Betreiberverein auf und die Fahrzeuge gingen in das Eigentum der Stadt Schwerte über. Einige Fahrzeuge wurden versteigert, der Rest verschrottet. 

 

 

Der 904 fand (zusammen mit der Lok 100) eine neue Heimat in Wehmingen,

im Hannoverschem Straßenbahnmuseum.

Dort wurde er erneut umlackiert und konnte auch unter Fahrdraht fahren. 

Anfangs wurde der 904 auch auf der Kanalstrecke eingesetzt,- dafür wurde der Dieselmotor gebraucht.

 

Aus technischen Gründen wurde der Wagen 904 dann 2008 abgestellt.


Mehr zum HSM unter www.wehmingen.de


 

2014 einigte sich die Westfälische Almetalbahn (Sitz in Dortmund Nette) mit dem HSM und so konnte der 904 im Januar 2015 nach Dortmund gebracht werden, wo er nun zusammen mit allen Dortmunder Museumswagen (außer 303 und 435) seiner Aufarbeitung entgegen blicken kann.


Mehr Infos zu den Straßenbahnen im Nahverkehrsmuseum Dortmund HIER



Sicher wird der 904 sich demnächst in einem anderem Erscheinungsbild präsentieren. Das sehen Sie dann an dieser Stelle.


Zu TRAM-aktuell      Zum vir. Straßenbahnmuseum-Dortmund

 DVD Tipp:   Für 2016/2017 ist eine DVD mit dem Thema "Sonderfahrten und Sonderwagen in und aus Dortmund" geplant. Darin wird auch der 904 live mit dem lautstarken Dieselmotor im Einsatz gezeigt.